Die Kunst des Wiederanfangens

 

Manchmal habe ich das Gefühl, mein Leben besteht aus lauter Neuanfängen.

Im letzten Jahr bin ich nach Portugal gezogen. Meine Beziehung ist zu Ende gegangen. Eine Zeit lang habe ich in meinem Mini-Van gelebt. Inzwischen habe ich einen kleinen Wohnwagen gefunden, der langsam zu meinem Zuhause wird.

Ich lebe hier viel näher an der Natur, als ich es früher gewohnt war. Das genieße ich sehr. Gleichzeitig bedeutet dieses Leben aber auch, dass nicht immer alles planbar ist. Mal streikt das Internet, mal braucht der Wohnwagen Aufmerksamkeit, mal macht mir die Technik einen Strich durch die Rechnung. Und manchmal sind es einfach die kleinen und großen Überraschungen des Alltags, die meine Pläne über den Haufen werfen.

Während ich mein neues Leben aufgebaue, sind andere Dinge in den Hintergrund gerückt. Meine Workout-Routine. Mein Blog. Manche Gewohnheiten, die mir eigentlich guttun.

Früher hätte ich mich dafür verurteilt.

Ich hätte gedacht: Jetzt hast du es schon wieder nicht geschafft. Andere bleiben dran. Warum bekommst du das nicht hin?

Und wenn ich ehrlich bin, meldet sich diese Stimme auch heute noch manchmal. Die Stimme, die mir einreden will, ich sei nicht konsequent genug. Und an ganz schlechten Tagen flüstert sie sogar: Du bist ein Loser.

Doch inzwischen merke ich immer öfter, dass diese Stimme nicht die Wahrheit erzählt.

Das Leben verläuft nicht geradlinig.

Beziehungen verändern sich oder gehen zu Ende. Kinder ziehen aus. Eltern brauchen plötzlich Unterstützung. Eine Krankheit wirft alles durcheinander. Ein Umzug verlangt einem mehr ab, als man vorher gedacht hätte. Die Menopause verändert den Körper. Oder das Leben nimmt einfach eine ganz andere Richtung, als wir sie geplant hatten.

All das gehört zum Leben.

Was mich früher am meisten belastet hat, war gar nicht, dass ich noch einmal von vorne anfangen musste. Es war die Geschichte, die ich mir darüber erzählt habe.

Dass ich versagt habe.

Dass andere disziplinierter sind.

Dass ich immer wieder alles verliere, was ich mir aufgebaut habe.

Heute versuche ich, eine andere Geschichte zu erzählen.

Ich frage mich:

Was wäre, wenn ich gerade einen viel wichtigeren Muskel trainiere? Den Muskel des Wiederanfangens.

Denn vielleicht besteht innere Stärke gar nicht darin, niemals aus der Spur zu geraten.

Vielleicht besteht sie darin, immer wieder zurückzufinden.

Nicht perfekt.

Nicht voller Motivation.

Nicht mit einem großen Masterplan.

Sondern mit dem nächsten kleinen Schritt.

Vielleicht sind es heute zehn Minuten Krafttraining.

Vielleicht ein Spaziergang.

Vielleicht eine Mahlzeit mit ausreichend Protein.

Vielleicht fünf Minuten Mobilität.

Oder – so wie bei mir gerade – dieser Blogartikel.

Jeder dieser kleinen Schritte ist ein neuer Anfang.

Und mit jedem Neuanfang wird der Wiederanfang-Muskel ein bisschen stärker.

Je älter ich werde, desto mehr glaube ich, dass genau das eine der wichtigsten Fähigkeiten im Leben ist.

Nicht, niemals aufzuhören.

Sondern den Mut zu haben, immer wieder neu zu beginnen.

Mit Freundlichkeit statt Selbstvorwürfen. Mit Neugier statt Perfektion. Und mit dem Vertrauen, dass kein Weg verloren ist, nur weil er zwischendurch eine andere Richtung genommen hat.

Vielleicht bedeutet Aging in Grace genau das:

Nicht perfekt älter zu werden. Sondern dem Leben immer wieder mit offenem Herzen zu begegnen.

Und sich selbst leise zu sagen:

Heute fange ich wieder an.

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