Der große Grundlagentalk: Dr. Mary Claire Haver im Gespräch mit Andrew Huberman über die Wechseljahre – Teil 4
Eigene Illustration zum Podcast von Andrew Huberman und Dr. Mary Claire Haver.
Inhalt:
Osteoporose-Prävention in der Menopause: das Nahrungsergänzungs-Paket
Kollagen und Knochendichte: eine zufällige Entdeckung
Schwindel, Tinnitus und trockene Augen in den Wechseljahren
Wann Hormonersatztherapie nicht geeignet ist
PCOS und GLP-1-Medikamente: ein neuer Zusammenhang
Mentale Gesundheit in Perimenopause und Menopause
Wie Partner unterstützen können
Mein Fazit zum großen Grundlagentalk
Der letzte Teil meiner Serie zum großen Grundlagentalk zwischen Dr. Mary Claire Haver und Andrew Huberman. Nach Definitionen, Ernährung und der WHI-Studie geht's jetzt um Prävention, ein paar eher unbekannte Symptome, wann Hormonersatztherapie tabu ist – und wie du dein Umfeld mit ins Boot holst.
Osteoporose-Prävention in der Menopause: das Nahrungsergänzungs-Paket
Auf die Frage nach Nahrungsergänzungsmitteln wird Dr. Haver angenehm ehrlich: Für viele beliebte Präparate wie DIM, Traubenkernextrakt oder Nachtkerzenöl gibt es schlicht keine überzeugenden Daten – schädlich seien sie zwar meist nicht, aber eben auch nicht belegt wirksam. Eine Ausnahme: Kurkuma zeigt in Studien einige brauchbare Effekte bei Hitzewallungen, allerdings ausdrücklich als Ergänzung, nicht als Ersatz für Östrogen.
Was sie ihren Patientinnen tatsächlich empfiehlt – ihr persönliches „Osteoporose-Präventionspaket":
Vitamin D – bei rund 80 % ihrer Patientinnen liegt ein Mangel oder eine schlechte Aufnahme vor
Kreatin – zur Unterstützung der Muskulatur (dazu hab ich ja auch schon einen eigenen Artikel geschrieben)
Ein spezielles, bioaktives Kollagen – dazu gleich mehr
Eine Gewichtsweste – klingt ungewöhnlich, dazu ebenfalls gleich mehr
Ihr Kernpunkt dahinter: Warum warten, bis jemand schon Osteoporose hat, bevor man handelt? Die Gewohnheiten in den Dreißigern und Vierzigern entscheiden mit, welchen Weg die Knochen später einschlagen.
Kollagen und Knochendichte: eine zufällige Entdeckung
Eine meiner liebsten Anekdoten aus dem ganzen Gespräch: Dr. Haver stieß auf ein bestimmtes Kollagen (Markenname Verisol) ursprünglich, weil sie selbst nach Studien zu Cellulite gesucht hatte – nicht wegen der Knochen. Derselbe Hersteller entwickelte später ein weiteres Kollagenpräparat, das über fünf Jahre in einer Studie zur Knochendichte bei Frauen getestet wurde. Ergebnis: eine tatsächliche Verbesserung der Knochendichte, während sie bei Frauen ohne Kollagen-Einnahme im selben Zeitraum abnahm. Warum genau dieses Kollagen einen solchen Effekt hat, ist laut Dr. Haver noch nicht vollständig geklärt – aber die Daten sind da.
Zur Gewichtsweste: Studien dazu liefen ursprünglich mit Pflegeheim-Bewohnerinnen, die sich kaum noch bewegen konnten – kombiniert mit Kreatin und Vibrationstraining (also Vibrationsplatten). Der gemeinsame Nenner: Alles, was die Muskel-Knochen-Einheit reizt, sendet dem Körper das Signal „Werde stärker" – unabhängig vom Fitnesslevel.
Schwindel, Tinnitus und trockene Augen in den Wechseljahren
Drei Symptome, die kaum jemand mit Hormonen in Verbindung bringt: Frauen unter Hormonersatztherapie entwickeln nachweislich seltener neu auftretenden Schwindel als Frauen ohne Therapie. Auch bei Tinnitus (Ohrgeräuschen) zeigt sich ein Zusammenhang mit der Menopause, wobei der genaue Mechanismus noch nicht vollständig verstanden ist. Und bei trockenen Augen – einem Symptom, das oft belächelt wird, aber richtig belastend sein kann – gibt es eindeutige Daten: Unter Östrogentherapie tritt es seltener auf.
Wann Hormonersatztherapie nicht geeignet ist
Genauso wichtig wie zu wissen, wem HRT hilft, ist zu wissen, wann sie tabu ist. Aus dem Gespräch:
Ungeklärte Gebärmutterblutungen: Bei plötzlich sehr starken Blutungen, großen Blutgerinnseln oder ungewöhnlichen Veränderungen muss das immer erst ärztlich abgeklärt werden, bevor eine Therapie beginnt – nicht, weil es automatisch Krebs bedeutet, sondern weil man es vorher ausschließen muss.
Aktive, bekannte Brustkrebserkrankung: Hier zunächst keine Hormonersatztherapie. Wichtig aber: Eine überstandene Krebserkrankung bedeutet nicht automatisch ein lebenslanges Verbot – das hängt sehr von Tumortyp und Stadium ab und ist eine hochindividuelle Entscheidung. Genau hier liegt laut Dr. Haver eines der größten Missverständnisse.
Akutes Blutgerinnsel: Erst nach Abschluss der Behandlung wird eine HRT wieder infrage gestellt.
Schwere Lebererkrankung: Eine leichte Fettleber ist meist kein Hindernis – die verbessert sich unter HRT sogar häufig. Bei einer schweren Lebererkrankung wird Östrogen aber nicht mehr richtig verstoffwechselt.
PCOS und GLP-1-Medikamente: ein neuer Zusammenhang
Ein Punkt aus diesem Teil des Gesprächs: Mit den neuen GLP-1-Medikamenten (wie Ozempic & Co.) verändert sich möglicherweise auch das Bild des polyzystischen Ovarialsyndroms (PCOS) – bei manchen Frauen kehrt darunter sogar die Fruchtbarkeit zurück, teils unerwartet ("GLP-1-Babys"). Dr. Haver verschreibt diese Medikamente selbst, betont aber: Sie ersetzen kein Krafttraining und keine ausreichende Proteinzufuhr, sondern kommen zusätzlich dazu – sonst geht überproportional viel Muskelmasse mit verloren.
Mentale Gesundheit in Perimenopause und Menopause
Das Thema aus Teil 1 wird hier noch mal vertieft: Während der Perimenopause steigt die Häufigkeit psychischer Erkrankungen spürbar an – zuerst meist Angstzustände, später kommen bei manchen Frauen Depressionen hinzu. Der Zusammenhang läuft über Östrogen: Es beeinflusst direkt Neurotransmitter wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Tritt eine Depression erstmals in der Perimenopause auf, kann laut Dr. Haver auch eine Hormontherapie Teil einer sinnvollen Behandlung sein – nicht als Ersatz für psychologische Unterstützung, aber als zusätzlicher Baustein.
Wie Partner unterstützen können
Eine Frage, die Huberman explizit für die Partner unter den Zuhörenden stellt: Wie kann ich meine Partnerin in dieser Zeit am besten unterstützen? Die kurze Antwort aus dem Gespräch: zuhören, ernst nehmen, sich mit einlesen, statt Symptome als reine Launenhaftigkeit abzutun – und gemeinsam eine gute ärztliche Anlaufstelle suchen, statt es die Frau allein herausfinden zu lassen.
Mein Fazit zum großen Grundlagentalk
Vier Teile, ein Gespräch – und ich hoffe, es ist deutlich geworden, warum ich ausgerechnet mit diesem Talk meine YouTube-Reihe eröffne. Was mich am meisten beeindruckt hat: wie viel von dem, was wir heute noch als „normales Altern" abtun, in Wahrheit hormonell erklärbar und oft behandelbar ist – und wie viel Fehlinformation allein durch eine einzige, schlecht kommunizierte Studie vor über 20 Jahren entstanden ist.
Willst du tiefer einsteigen?
Mein Live-Guide „Den hormonellen Wandel verstehen" geht dabei über diesen Talk noch hinaus – er deckt alles ab, was zum hormonellen Wandel in deinem Leben dazugehört, und lässt dabei auch Fachleute wie Dr. Haver selbst zu Wort kommen. Alles an einem Ort zusammengefügt, statt dass du es dir mühsam aus einzelnen Artikeln zusammensuchen musst. Und der Guide wächst laufend weiter
Neugierig auf mehr? Der komplette Live-Guide wartet auf dich →