Der große Grundlagentalk: Dr. Mary Claire Haver im Gespräch mit Andrew Huberman über die Wechseljahre – Teil 3

Eigene Illustration zum Podcast von Andrew Huberman und Dr. Mary Claire Haver.

Inhalt:

  • Hitzewallungen in der Menopause: Was im Körper wirklich passiert

  • Hormonersatztherapie und Brustkrebsrisiko: die WHI-Studie im Detail

  • Die Pressekonferenz, die alles veränderte

  • Testosteron-Therapie bei Frauen: Dosierung und Zielwerte

  • Weitere Hormone: Schilddrüse und DHEA

  • Warum eine ganze Ärztegeneration zur Menopause kaum ausgebildet wurde

 

Weiter geht's mit Teil 3 meiner Serie zum großen Grundlagentalk zwischen Dr. Mary Claire Haver und Andrew Huberman. Nach Definitionen (Teil 1) und Ernährung/Körper (Teil 2) wird es jetzt richtig konkret: Hitzewallungen, die komplette Aufarbeitung der berüchtigten WHI-Studie, und wie Östrogen- und Testosterontherapie in der Praxis eigentlich dosiert werden.

‍Hitzewallungen in der Menopause: Was im Körper wirklich passiert

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Hitzewallungen zählen medizinisch zu den sogenannten vasomotorischen Symptomen. Was dahintersteckt: Das temperaturregulierende Zentrum im Hypothalamus gerät aus dem Gleichgewicht – der innere Thermostat wird quasi neu (und falsch) eingestellt. Typischerweise beginnt die Hitze im Körperzentrum, im Bereich von Brust oder Hals, breitet sich in die Gliedmaßen aus, die Blutgefäße weiten sich, man beginnt zu schwitzen. Manchen Frauen geht ein plötzliches, intensives Gefühl von Traurigkeit oder Unwohlsein voraus, bevor die Hitzewallung überhaupt einsetzt.

‍Besonders nachts sind Hitzewallungen ein Problem: Jede Störung des Schlafs wirkt sich auf den nächsten Tag aus – die Stressregulation verschlechtert sich, alles wird ein bisschen schwerer. Deshalb ist der Schlaf laut Dr. Haver bei ihren Patientinnen oft der erste Ansatzpunkt.

‍Der Goldstandard gegen Hitzewallungen ist die Hormontherapie: Wird dem Körper Östrogen zurückgegeben, normalisiert sich der Serotoninspiegel, und das Temperaturzentrum im Hypothalamus beruhigt sich wieder.

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Hormonersatztherapie und Brustkrebsrisiko: die WHI-Studie im Detail

‍Diesen Teil des Gesprächs fand ich am aufschlussreichsten – Dr. Haver nennt die WHI-Berichterstattung von 2002 offen „eine der schlimmsten Fehlinformationskampagnen in der Geschichte der Medizin".

Die Studie hatte zwei große Arme:

Rund 11.000 Frauen ohne Gebärmutter (nach Hysterektomie) erhielten entweder ausschließlich Östrogen – konkret Premarin, gewonnen aus dem Urin trächtiger Stuten – oder ein Placebo. Etwa 15.000 Frauen mit Gebärmutter erhielten entweder die Kombination Premarin + Provera (ein synthetisches Gestagen) oder ein Placebo.

Drei entscheidende Konstruktionsfehler:

  • Erstens wurden Frauen mit Hitzewallungen von vornherein ausgeschlossen – aus dem einfachen Grund, dass sie sonst sofort gemerkt hätten, ob sie das echte Hormon oder ein Placebo bekamen, sobald ihre Hitzewallungen verschwanden.

  • Zweitens lag das Durchschnittsalter der Teilnehmerinnen bei 63 Jahren – bei einem üblichen Menopause-Alter von etwa 51 waren diese Frauen also im Schnitt schon 10 bis 13 Jahre postmenopausal, als die Studie begann.

  • Drittens wurde bei der Auswahl nicht auf bereits bestehende Risikofaktoren geachtet: Viele Teilnehmerinnen waren übergewichtig, rauchten oder hatten bereits erhöhten Blutdruck, manche sogar schon eine bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankung – Faktoren, die für sich genommen schon das Risiko erhöhen und sich in den Ergebnissen kaum sauber von der Hormonwirkung trennen lassen.

Und dann die eigentlichen Zahlen:

Im Kombinations-Arm (Östrogen + Gestagen) zeigte sich ein statistisch nicht signifikantes, relativ erhöhtes Brustkrebsrisiko von etwa 25 %. Klingt dramatisch – bis man sich die absoluten Zahlen anschaut: In der Placebogruppe erkrankten etwa 4 von 1.000 Frauen pro Jahr an Brustkrebs, in der Hormongruppe etwa 5 von 1.000. Das absolute Mehrrisiko lag bei gerade einmal 0,08 % pro Jahr. Im reinen Östrogen-Arm (ohne Gestagen) sank das Brustkrebsrisiko sogar um etwa 30 %.

Warum der Unterschied zwischen den beiden Armen so groß ausfiel, lohnt sich genauer anzuschauen:

Der Kombinations-Arm bekam neben Östrogen zusätzlich ein synthetisches Gestagen (Medroxyprogesteronacetat, Handelsname Provera) – nötig, um bei intakter Gebärmutter die Schleimhaut zu schützen.

Wichtig dabei: Heute wird bei bioidentischer Hormontherapie in der Regel kein synthetisches Gestagen mehr eingesetzt, sondern echtes, mikronisiertes Progesteron – ein ganz anderes Präparat mit einer anderen Wirkung auf den Körper.

Der reine Östrogen-Arm bestand dagegen nur aus Frauen ohne Gebärmutter, die dieses Gestagen gar nicht brauchten und folglich auch nicht bekamen.

Die heute vorherrschende Erklärung in der Fachwelt: Nicht das Östrogen selbst treibt das erhöhte Risiko im Kombinations-Arm an, sondern das begleitende synthetische Gestagen, das sich chemisch deutlich von körpereigenem Progesteron unterscheidet und offenbar anders auf das Brustgewebe wirkt.

Warum das Risiko im reinen Östrogen-Arm sogar sank, ist nicht abschließend geklärt – eine anerkannte Hypothese ist, dass bei Frauen, die zu Studienbeginn bereits über zehn Jahre ohne Östrogen waren, einzelne bereits veränderte Zellen empfindlicher auf die Rückkehr von Östrogen reagierten und eher abstarben, statt zu wachsen.

Festhalten kann man: Es sieht so aus, als sei in dieser Studie nicht Östrogen der Übeltäter gewesen, sondern das begleitende synthetische Gestagen ‍. ‍

Die Pressekonferenz, die alles veränderte

Diese Ergebnisse wurden 2002 auf einer Pressekonferenz im Watergate Hotel verkündet – bevor sie überhaupt wissenschaftlich veröffentlicht oder von anderen Fachleuten geprüft worden waren.

Die Kernbotschaft an die Presse: „Östrogen verursacht Brustkrebs." ‍ ‍

Die Zahl 25 % (relatives Risiko) eignete sich für Schlagzeilen, die absolute Zahl 0,08 % nicht. ABC, NBC, CBS, Morgensendungen, Abendnachrichten, große Zeitschriften – überall dieselbe Botschaft. Es wurde zur medizinischen Top-Meldung des Jahres 2002.

Was in der Berichterstattung unterging: Im reinen Östrogen-Arm zeigte sich später ein leicht erhöhtes Schlaganfallrisiko, weshalb auch dieser Studienarm irgendwann beendet wurde – die Auswirkungen auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen insgesamt blieben aber neutral. In beiden Gruppen trat zudem weniger Darmkrebs auf, worüber kaum berichtet wurde.

Besonders bemerkenswert: 2020 hat die American Heart Association die Daten noch einmal nach Altersgruppen ausgewertet.

Ergebnis: Frauen, die die Hormontherapie zwischen 50 und 59 Jahren begonnen hatten, zeigten ein um etwa 50 % reduziertes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Tod dadurch – plus eine geringere Gesamtsterblichkeit. Der Zeitpunkt des Therapiebeginns war also die ganze Zeit der entscheidende Faktor, nicht das Hormon an sich – mehr dazu (und was das für einen späteren Start bedeutet) findest du in meinem Artikel zu HRT nach 60.

Zieht man das alles zusammen, wird klar: Es war nicht nur eine einzelne falsche Zahl, die für Verwirrung gesorgt hat. Die Studie war von der Anlage her schon nicht darauf ausgelegt, sauber zwischen Hormonwirkung und anderen Einflussfaktoren zu unterscheiden – und die Art, wie die Ergebnisse dann über eine Pressekonferenz statt über den üblichen wissenschaftlichen Weg verkündet wurden, hat diese Unsauberkeit zusätzlich verstärkt. Beides zusammen – ein unsauberes Studiendesign und eine zugespitzte, verkürzte Kommunikation der Ergebnisse – hat über zwei Jahrzehnte lang Frauen von einer Therapie ferngehalten, von der viele von ihnen wahrscheinlich profitiert hätten.

Testosteron-Therapie bei Frauen: Dosierung und Zielwerte

Ein Punkt aus diesem Gespräch bestätigt genau das, was ich dir schon in meinem Testosteron-Artikel erzählt habe: Frauen haben in absoluten Mengen tatsächlich mehr Testosteron als Östrogen im Blut – ein Fakt, der laut Huberman selbst viele überrascht.

‍Zur praktischen Seite: Für Frauen gibt es in den USA (wie auch bei uns) kein von der Zulassungsbehörde freigegebenes Testosteronpräparat. Dr. Haver behilft sich deshalb meist mit einer individuell niedrig dosierten Creme (transdermal). Weil die Aufnahme über die Haut sehr unterschiedlich ausfallen kann, kontrolliert sie die Werte häufiger als bei anderen Hormonen.

‍Als Orientierung nennt sie: Ein typischer Spitzenwert bei einer gesunden Frau liegt zwischen 35 und 70 Nanogramm pro Deziliter. Ihr Zielbereich in der Praxis liegt meist bei 50 bis 70 – reicht das, damit die Patientin sich gut fühlt und die Libido zurückkehrt, bleibt sie dort. Je höher die Dosis, desto wahrscheinlicher werden Nebenwirkungen wie Haarausfall an den Schläfen, eine tiefere Stimme, Akne oder Haarwuchs am Kinn. Werte über 90 sind ein Grund, nach anderen Ursachen wie einem Tumor zu suchen.

Weitere Hormone: Schilddrüse und DHEA

Neben Östrogen, Progesteron und Testosteron kontrolliert Dr. Haver bei ihren Patientinnen routinemäßig auch die Schilddrüse.

Ausführlicher wird es im Gespräch bei DHEA (Dehydroepiandrosteron). Das ist nicht dasselbe wie Östriol (die schwächere Östrogenform, die z. B. in Vaginalcremes steckt) – DHEA ist ein eigenständiges Hormon. Man kann es sich als eine Art Ausgangsstoff vorstellen, aus dem der Körper bei Bedarf sowohl Testosteron als auch Östradiol (unser Hauptöstrogen) herstellen kann.

Der Weg dahin läuft in etwa so: Aus DHEA macht der Körper zuerst Testosteron, und aus Testosteron kann dann – über einen Umwandlungsschritt, der „Aromatisierung" genannt wird – Östradiol entstehen.

Das ist übrigens kein Sonderweg: Genau diese Kette nutzen auch unsere Eierstöcke, um während der fruchtbaren Jahre Östradiol herzustellen –

DHEA, Testosteron und Östradiol hängen in unserem Körper also ganz natürlich zusammen, nicht nur in einem speziellen Präparat.

Konkret gibt es dafür ein verschreibungspflichtiges Präparat namens Intrarosa (Wirkstoff: Prasteron) – eine kleine, gelartige Einlage für die Scheide, kein Gel zum Auftragen.

Das Gewebe vor Ort nimmt das DHEA auf und wandelt es selbst in Testosteron und Östradiol um. Weil die Dosis so niedrig ist und nicht in relevanter Menge in den restlichen Körper gelangt, wird Intrarosa laut Dr. Haver von Sexualmedizinerinnen und -medizinern besonders gern bei Brustkrebspatientinnen eingesetzt – also genau bei Frauen, bei denen eine systemische Hormontherapie oft nicht infrage kommt.

Übrigens erwähnt Dr. Haver an dieser Stelle noch etwas, das ich gut nachvollziehen kann: Sie trägt zusätzlich eine Östriolcreme im Gesicht auf – genau das mache ich selbst auch, mit derselben Creme, die ich sonst im Intimbereich verwende.

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Warum eine ganze Ärztegeneration zur Menopause kaum ausgebildet wurde

‍Ein sehr persönlicher Moment im Gespräch: Dr. Haver schloss ihre Facharztausbildung genau in dem Jahr ab, in dem die WHI-Ergebnisse veröffentlicht wurden. Ihre eigene Ausbildung zur Menopause war da schon dürftig – aber nach der WHI wurde die Hormontherapie in der Ausbildung praktisch komplett gestrichen.

Eine ganze Generation von Ärztinnen und Ärzten lernte danach kaum noch etwas Fundiertes über Menopause-Behandlung.

Übrigens ein Punkt, der meinen Artikel zu Halle Berry noch mal in einem neuen Licht zeigt: Berry hat sich öffentlich für einen 250-Millionen-Dollar-Gesetzentwurf in den USA eingesetzt, der unter anderem genau diese Ausbildungslücke bei medizinischem Personal schließen soll.

‍Im nächsten und letzten Teil geht's um Osteoporose-Prävention, Kollagen und Knochendichte, Nebenwirkungen und Kontraindikationen von HRT, sowie mentale Gesundheit und Libido in der Perimenopause.

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Willst du tiefer einsteigen?

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