Testosteron oder Östrogen – welches Hormon haben Frauen eigentlich mehr?
Wenn wir an weibliche Hormone denken, denken wir an Östrogen. Es gilt als das Frauenhormon schlechthin. Testosteron dagegen landet gedanklich sofort bei Männern, Muskeln, Bart.
Nur: Das stimmt so nicht.
Frauen tragen in ihrem Körper mengenmäßig mehr Testosteron als Östrogen in sich – und zwar durchgehend, nicht nur in jungen Jahren.
In den fruchtbaren Jahren liegt der Testosteronspiegel bei Frauen sogar bei etwa dem Vierfachen des Östrogenspiegels. Und auch später, in der Postmenopause, bleibt Testosteron das Hormon, von dem absolut betrachtet mehr im Körper zirkuliert.
So in etwa sieht das im Verlauf der Lebensjahre aus:
Kaum zu glauben, oder? Wir Frauen haben mehr Testosteron als Östrogen.
Das klingt erstmal verrückt. Östrogen gilt doch als das Frauenhormon. Aber schau dir die Grafik genau an: Die violette Linie (Testosteron) liegt fast durchgehend über der pinken Linie (Östrogen) – von der Kindheit bis ins hohe Alter.
Warum merken wir das nie? Weil Testosteron langsam und leise wirkt, während Östrogen die "lauten" Ereignisse steuert: Pubertät, Zyklus, Menopause. Deshalb hören wir ständig von Östrogen und fast nie von Testosteron – obwohl es die ganze Zeit mehr davon in uns gibt.
Noch spannender wird es nach der Menopause: Der Östrogenspiegel bricht stark ein, Testosteron sinkt dagegen nur langsam. Das heißt: Das Verhältnis der beiden Hormone zueinander verschiebt sich – nach der Menopause hast du relativ gesehen sogar noch mehr Testosteron im Vergleich zu Östrogen als vorher.
Warum wissen wir das nicht längst?
Ganz einfach: weil Testosteron in der Frauenmedizin lange als Randthema behandelt wurde. Es gibt bis heute kein einziges für Frauen zugelassenes Testosteronpräparat – weder in Deutschland noch in der EU. Das einzige, das es einmal gab (Intrinsa, ein Pflaster), wurde 2012 vom Markt genommen – nicht wegen Sicherheitsbedenken, sondern aus kommerziellen Gründen.
Das erklärt auch, warum viele Frauenärzt:innen beim Thema Testosteron zurückhaltend reagieren: Es fehlt schlicht ein zugelassenes Produkt, an dem sie sich orientieren könnten.
Was Testosteron bei Frauen wirklich macht
Testosteron wird schnell auf ein Thema reduziert: Libido. Dabei wirkt es an deutlich mehr Stellen im Körper:
Muskulatur – es beeinflusst den Muskelstoffwechsel und damit, wie der Körper auf Training reagiert
Energie und Antrieb – nicht im Sinne von Nervosität, sondern als Grundgefühl, Dinge anzugehen
Gehirn und Stimmung – viele Frauen berichten unter einem ausgeglichenen Spiegel von mehr Klarheit und weniger diesem diffusen „nicht ganz da sein"
Gewebe – auch im Intimbereich und Harntrakt wirkt Testosteron direkt mit; Trockenheit oder Reizungen werden oft ausschließlich dem Östrogen zugeschrieben, sind aber nur ein Teil des Bildes
Körperzusammensetzung – wie sich Muskelmasse und Fettanteil entwickeln
Die aktuell beste wissenschaftliche Evidenz gibt es für den Einsatz bei sexueller Lustlosigkeit nach den Wechseljahren. Für Energie, Stimmung oder Leistungsfähigkeit ist die Datenlage weniger eindeutig – auch das gehört zur ehrlichen Einordnung dazu.
Zwei Perspektiven, ein Thema
Bei der Recherche zu diesem Thema für meinen Live-Guide ist mir aufgefallen, wie unterschiedlich Testosteron je nach Land eingeordnet wird. Die deutsche Fachperspektive ist eher vorsichtig und zurückhaltend – nicht zuletzt, weil es kein zugelassenes Präparat gibt. Die amerikanische Perspektive, etwa von der Urologin Dr. Kelly Casperson, ist deutlich offener: Sie sieht Testosteron nicht als reines „Libido-Hormon", sondern als Teil eines größeren hormonellen und neurologischen Zusammenhangs, eng verbunden mit Stimmung, Motivation und Wohlbefinden.
Beide Perspektiven sind sich aber in einem Punkt einig: Laborwerte allein reichen nicht aus. Viele Testverfahren wurden ursprünglich für Männer entwickelt, und gerade im niedrigen, für Frauen typischen Bereich sind Messungen oft ungenau. Ein Wert im Referenzbereich sagt also nicht automatisch, dass alles optimal ist.
Meine eigene Erfahrung
Ich habe im Rahmen meiner Hormonersatztherapie immer wieder mit Testosteron experimentiert – zeitweise dazugenommen, wieder abgesetzt, später wieder aufgenommen. Dabei ging es mir nicht anders als vielen Frauen: unklare Blutwerte, eine Ärztin, die zunächst abwinkte, und die eigene Unsicherheit, ob eine Nebenwirkung wie feine Härchen am Unterarm nun am Testosteron lag oder nicht.
Was ich daraus gelernt habe: Die Auftragungsstelle regelmäßig zu wechseln, statt das Gel immer auf dieselbe Hautstelle aufzutragen, macht einen Unterschied. Und: ein einzelner Laborwert ist nie die ganze Geschichte.
Aktuell nehme ich Testosteron wieder – diesmal mit genau diesem Wissen im Hinterkopf. Ich verwende dafür ein für Männer zugelassenes Testogel aus der großen Pumpflasche, muss dabei aber sehr genau auf die Dosierung achten, da nur eine winzige Menge für Frauen richtig ist. Deshalb überlege ich gerade, mir das Gel stattdessen in einer Compounding-Apotheke individuell anmischen zu lassen – speziell auf die für Frauen passende, niedrige Dosierung zugeschnitten.
Willst du tiefer einsteigen?
Meine komplette Auseinandersetzung mit dem Thema – inklusive beider Experten-Gespräche im Video und meiner ausführlichen persönlichen Geschichte – findest du in meinem neuen Live-Guide „Den hormonellen Wandel verstehen".
Und falls du meine erste persönliche Testosteron-Geschichte lesen willst – meinen Erfahrungsbericht zu Energie, Libido und Anwendung findest du hier: