Der große Grundlagentalk: Dr. Mary Claire Haver im Gespräch mit Andrew Huberman über die Wechseljahre – Teil 1
Eigene Illustration zum Podcast von Andrew Huberman und Dr. Mary Claire Haver.
Inhalt:
Was ist Menopause wirklich? Die echte Definition
Wie viele Eizellen wir eigentlich haben – und was das mit der Menopause zu tun hat
Perimenopause: die „Zone of Chaos"
Warum Perimenopause so oft übersehen wird
Was den Beginn der Menopause beschleunigen kann
Frühe Menopause: wenn es schon mit 27 losgeht
Perimenopause-Forschung: Warum wir so wenig wissen
Ich hab mir für dich einen der umfangreichsten Talks angehört, die ich zum Thema Wechseljahre kenne: ein über zweistündiges Gespräch zwischen dem Neurowissenschaftler Andrew Huberman und der Gynäkologin Dr. Mary Claire Haver. Das ist für mich so etwas wie ein Grundlagenwerk – deshalb starte ich damit auch meine neue YouTube-Reihe, und weil so viel drinsteckt, teile ich das Ganze für dich in vier Blogartikel auf.
Hier kommt Teil 1.
Was ist Menopause wirklich? Die echte Definition
Fangen wir mit einer kleinen Überraschung an: Die Menopause ist streng genommen nicht „die Wechseljahre" als Ganzes. Sie ist ein einziger Tag – genau ein Jahr nach deiner letzten Periode. Dr. Haver kritisiert diese Definition sogar selbst, weil sie für viele Frauen gar nicht passt: Was, wenn du eine Gebärmutter-Entfernung, eine Spirale oder eine Verödung der Gebärmutterschleimhaut hattest und deshalb gar keine Blutung mehr hattest, an der man sich orientieren könnte?
Was eigentlich dahintersteckt, ist etwas Größeres: das Ende der Eierstockfunktion.
Wie viele Eizellen wir eigentlich haben – und was das mit der Menopause zu tun hat
Hier kommt eine Zahl, die mich selbst überrascht hat: Wir Frauen werden mit unserem kompletten Eizellen-Vorrat geboren – etwa ein bis zwei Millionen Stück. Mit 30 sind wir schon bei nur noch etwa 10 % davon, mit 40 bei etwa 3 %, und die Qualität nimmt zusätzlich ab. Die Menopause tritt ein, wenn praktisch keine Eizellen mehr da sind – und damit auch kaum noch Sexualhormone aus den Eierstöcken.
Das Durchschnittsalter für die Menopause liegt in den USA bei etwa 51–52 Jahren, normal ist ein Bereich von 45 bis 55.
Die Perimenopause – die Übergangsphase davor – beginnt Dr. Haver zufolge schon sieben bis zehn Jahre vor der letzten Periode.
Perimenopause: die „Zone of Chaos"
Diesen Ausdruck kennst du vielleicht schon aus meinem Artikel zu den drei Phasen – hier erklärt Dr. Haver noch mal ganz genau, was biologisch dahintersteckt.
In einem normalen Zyklus meldet das Gehirn den Eierstöcken über Hormonsignale (LH und FSH), wann sie einen Eisprung auslösen sollen.
In der Perimenopause werden die Eierstöcke zunehmend resistent gegen diese Signale. Das Gehirn schickt daraufhin immer stärkere Signale – und die Eierstöcke reagieren dann manchmal mit einem regelrechten Hormonschub, der höher ausfällt als in den fruchtbaren Jahren, gefolgt von einem tiefen Absturz. Dieses Auf und Ab ist keine Momentaufnahme, sondern zieht sich über Jahre – deshalb „Zone of Chaos".
Ein Grund, warum es keinen einfachen Bluttest für die Diagnose Perimenopause gibt: Die Werte schwanken so stark, dass eine einzelne Messung wenig aussagt. Ärztinnen wie Dr. Haver stützen sich deshalb vor allem auf die Symptome.
Warum Perimenopause so oft übersehen wird
Die Liste der möglichen Symptome ist länger, als die meisten erwarten – und viele werden nicht mit Hormonen in Verbindung gebracht:
Psychische Veränderungen: In der Perimenopause steigen psychische Beschwerden um etwa 40 %, die Verschreibung von Antidepressiva verdoppelt sich in dieser Zeit. Laut britischen Daten gibt jede fünfte Frau wegen ihrer Symptome ihren Job auf.
Zyklusveränderungen: Bei rund 90 % der Frauen wird die Blutung unregelmäßig – mal stärker, mal schwächer, mal näher beieinander.
Erschöpfung, die sich oft schwer einordnen lässt.
Gelenk- und Muskelschmerzen ganz ohne Verletzung.
Herzrasen und Herzklopfen, die in der Notaufnahme manchmal fälschlich als Panikattacke abgetan werden.
Was mich an diesem Teil des Gesprächs am meisten beeindruckt hat: Dr. Haver sagt offen, dass sie selbst in ihrer Ausbildung vor 25 Jahren fast nichts über diese endokrinologischen Zusammenhänge gelernt hat – erst vor etwa zwei Jahren richtig. Das erklärt, warum so viele Ärztinnen und Ärzte diese Symptome nicht mit der Perimenopause verbinden.
Was den Beginn der Menopause beschleunigen kann
Ein Punkt aus dem Gespräch, den ich vorher nicht kannte: Das Alter, in dem uns die Eizellen ausgehen, ist zwar größtenteils genetisch festgelegt – aber es gibt Faktoren, die es beschleunigen können. Rauchen zum Beispiel. Wer regelmäßig ovuliert und keine Kinder bekommt, „verbraucht" die Eizellen tendenziell schneller. Und: Wird bei einer Operation die Gebärmutter entfernt, die Eierstöcke aber belassen, verliert man im Schnitt vier Jahre an Eierstock-Lebensdauer – bei einer Sterilisation (Tubenligatur) etwa anderthalb Jahre. Auch die Genetik spielt eine Rolle: Nach den im Gespräch erwähnten Daten erleben afroamerikanische Frauen die Menopause im Schnitt etwas früher, asiatische Frauen tendenziell später.
Ein Tipp aus dem Talk: Genetik ist der stärkste Einzelfaktor dafür, wann es bei dir so weit ist – theoretisch könnte also das Alter deiner Mutter bei ihrer Menopause ein Hinweis sein. In der Praxis ist das aber oft gar nicht so einfach herauszufinden: Unsere Mütter-Generation hat sich mit dem Thema meist noch viel weniger beschäftigt als wir heute, hat es kaum eingeordnet oder sich das Alter überhaupt gemerkt. Wenn du also fragst und keine genaue Antwort bekommst, bist du damit nicht allein – das genetische Muster ist trotzdem da, nur schwerer zu rekonstruieren.
Frühe Menopause: wenn es schon mit 27 losgeht
Ein Moment im Gespräch, der mir besonders nahegegangen ist: Dr. Haver erzählt von einer Patientin, die mit gerade mal 27 Jahren in die Menopause kam – eine sogenannte vorzeitige Ovarialinsuffizienz (vor dem 40. Lebensjahr). Die junge Frau wurde 18 Monate lang von Arzt zu Arzt geschickt, bevor überhaupt jemand auf die Idee kam, sie auf Menopause zu testen.
Das ist keine Randnotiz: Je länger der Körper ohne Östrogen ist, desto höher das langfristige Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Schlaganfall – weil Östrogen so schützend wirkt. Bei jungen Frauen mit dieser Diagnose wird deshalb bewusst eine höhere Hormondosis gegeben, um sie wieder auf ein Niveau zu bringen, das ihrem eigentlichen Alter entspricht.
Perimenopause-Forschung: Warum wir so wenig wissen
Ein Satz aus dem Gespräch ist mir hängengeblieben: Sucht man auf PubMed (der großen Datenbank für medizinische Studien) nach „pregnancy", findet man 1,1 Millionen Artikel. Bei „menopause" sind es noch 97.000. Bei „perimenopause" gerade mal etwa 6.400.
Diese riesige Forschungslücke ist einer der Hauptgründe, warum so viele Frauen – und auch ihre Ärztinnen und Ärzte – im Unklaren gelassen werden.
Genau deshalb finde ich Gespräche wie dieses so wichtig. Und genau deshalb geht's hier weiter: Im nächsten Teil schauen wir uns an, was du schon vor der Perimenopause für dich tun kannst – Ernährung, Muskelaufbau, viszerales Fett und die Frage, warum das alte „einfach weniger essen" bei uns Frauen ab 40 nicht mehr funktioniert.
Willst du tiefer einsteigen?
Mehr zu Perimenopause, Menopause und Postmenopause findest du in meinem Live-Guide „Den hormonellen Wandel verstehen" – da hab ich alles an einem Ort zusammengefügt, statt dass du es dir mühsam aus einzelnen Artikeln zusammensuchen musst. Und der Guide wächst laufend weiter.
Ich nehm dir die Arbeit ab, alles selbst zusammenzusuchen – jetzt entdecken →